future_space Zukunftswerkstatt Bericht

Bruck an der Mur, 27. und 28. April 2001

Zukunftswerkstätte - was ist das?

Die zweitägige Zukunftswerkstätte zum Thema "Soziale Vorrangflächen" - Freiraumplanung im Interesse von Jugendlichen, die wir mit rund 25 Jugendlichen abhielten, richtete sich in ihrem Grobkonzept nach dem von Robert Jungk entwickelten Modell der Zukunftswerkstätte.
Ziel einer Zukunftswerkstätte ist, dass die TeilnehmerInnen Ansätze zu einer positiven Veränderung einer als unbefriedigend erlebten Umweltsituation entwickeln. Die erste Phase, die Kritik- und Wahrnehmungsphase, dient der umfassenden Sammlung von negativ erlebten Aspekten und Details der jeweiligen Situation. In der zweiten Phase werden Utopien entwickelt, um den Möglichkeitssinn anzuregen und allzu einschränkende Muster vorauseilender Selbstzensur von Wünschen zu umgehen. Erst in der dritten Phase, der Realisierungsphase, werden dann die entwickelten Utopien auf die in ihnen sich ausdrückenden Wünsche und Bedürfnisse untersucht und Möglichkeiten gesucht, wie diese Bedürfnisse durch tatsächlich machbare Veränderungen besser berücksichtigt werden können.

Ergebnisse der Zukunftswerkstatt

Themen, die in der Kritikphase von den Jugendlichen als wichtig herausgehoben wurden:

  • Konflikte zwischen unterschiedlichen Jugendgruppen und Altersgruppen ("Skins und Proleten")
  • Fehlende Aufenthaltsmöglichkeiten im Außenraum bei Schlechtwetter
  • zuwenig Sportplätze
  • zuwenig ungestörte Plätze

Plätze, die aus unterschiedlichen Gründen als störend empfunden wurden:

  • Hauptplatz
  • Bahnhof
  • Abenteuerspielplatz
  • Schule

Interessen, die die Jugendlichen aus der Utopiephase heraus formulierten:

  • Jugendpark: Aus Sicht der Jugendlichen war an dieser Idee besonders wichtig, dass der Jugendpark ein Angebot für Jugendliche ist - also erstens kein Kinderspielplatz und zweitens muss die Möglichkeit vorhanden sein, spezifisch jugendliche Aktivitäten -zum Beispiel Musik abspielen - auszuüben ohne von Anrainern oder anderen Parkgästen weggejagt werden zu können
  • Jobbörse: Sie soll Möglichkeiten für unterschiedliche Altersgruppen eröffnen zu Arbeit und damit zu Geld zu kommen unter Berücksichtigung von Zeitbudgets und Fähigkeiten.
  • Beteiligung an der Gestaltung des öffentlichen Raums wie der zeitlosen und veränderbaren Gestaltung von Wänden.
  • attraktiver Wasserort mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten.
  • Sportmöglichkeiten und Zustand der freien Sportflächen: Priorität liegt in erster Linie beim Fußball, aber auch Mountainbike, Motocross, Gocart, Schwimmen, Klettern und Schifahren wurden von den Jugendlichen genannt. Wichtig daran ist die Möglichkeit zu schnellen, aufregenden Sportarten unter guten - sprich: auch sicherheitstechnisch optimalen - Bedingungen.
  • kein ersatzloses Streichen von Flächen, die für Jugendliche vorgesehen sind.


Projekte, die Jugendliche weiter bearbeitet haben und in Zukunft bearbeiten wollen:

  • Jugendpark: Es gab zwei Vorschläge, die viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede aufwiesen. Beiden gemeinsam sind die wesentlichen Elemente wie Rückzugsräume und Sitzgelegenheiten, die auch bei Schlechtwetter benutzbar sind; ein ausreichendes Raumangebot für mehrere Gruppen; Schutz vor Verdrängung durch andere Gruppen. Der Vorschlag der älteren, gemischten Gruppe betont mehr die Ungestörtheit, die Möglichkeit auch Musik zu spielen und die Wichtigkeit, den Interessen der Jugendlichen tatsächlich Vorrang zu gewähren. Der Vorschlag der jüngeren, ausschließlich aus Mädchen bestehenden Gruppe, betont mehr die Wichtigkeit, sich sicher zu fühlen durch Einsichtigkeit, Kontakt mit belebten Straßenzügen und Beleuchtung.
  • Verbesserung des Fußballplatzes Schillerplatz: Diese Projektidee wurde von einer ausschließlich aus jüngeren Burschen bestehende Gruppe erarbeitet. Es gibt konkrete Vorschläge zur Sanierung und Verbesserung, etwa durch einen Trinkwasserhahn, einen Zaun zur Minimierung der Konflikte und zur nutzerfreundlichen Verwaltung dieser Sportanlage, sodass die Anlage benutzbar und zugänglich ist, wenn die Jugendlichen sie nutzen wollen. Ein weiterer Vorschlag ist die Beteiligung von interessierten Jugendlichen an der Pflege und Wartung des Platzes.
  • Bereitschaft signalisierten die Älteren auch noch für die Mitgestaltung der Jobbörse und für ein Projekt zur Gestaltung von als unästhetisch erfahrenen Plätzen.

Anwesend waren...

am ersten Tag 27 Jugendliche, am zweiten Tag 23 Jugendliche.
Jungen und Mädchen waren etwa ausgewogen. Was die Altersverteilung betrifft, so waren etwa 2/3 Jüngere (12-15 Jahre) und 1/3 Ältere (16-18 Jahre); dieses Verhältnis verschob sich am zweiten Tag zu Ungunsten der Älteren, von 23 Anwesenden waren am zweiten Tag 5 Ältere dabei.

Möglichkeiten und Fallen bei der Beteiligung von Jugendlichen an Stadtplanung - worauf kommt es an?

Das aus unserer Sicht Erfolgversprechende ist nicht die einzelne in Jugendbeteiligungsprojekten geborene Idee, sondern die Etablierung eines kontinuierlichen Kontaktes zwischen wechselnden Jugendlichen und StadtvertreterInnen, der es erlaubt, kurzfristig und unkompliziert auf wechselnde Interessenslagen und Bedürfnisse zu reagieren.
Aufgrund der besonderen Lebenslage von Jugendlichen stehen Projekte, die Jugendliche an Planungsprozessen beteiligen wollen, immer wieder vor ähnlichen Schwierigkeiten. Die befragten Jugendlichen wachsen relativ schnell aus ihrer jetzigen Situation heraus. Wechselnde Jugendgruppen sind wechselnden Moden unterworfen. Im einen Jahr kann der Skateplatz das Um und Auf jugendlicher Wünsche sein, im nächsten ist es der Streetballplatz, im übernächsten der Beachvolleyballplatz. Wer in der Stadtplanung auf Jugendliche eingehen will, muss schnell reagierende Strukturen und mit geringem Mitteleinsatz veränderbare Räume schaffen. Schnell reagieren deshalb, weil es Jugendlichen nichts nützt, wenn sie im Rahmen einer Bedarfserhebung ihre Wünsche nach einer Streetballanlage benennen dürfen, aber die Realisierung erst zwei Jahre später passiert. Um dieses schnelle Reagieren zu ermöglichen, muss eine Kontaktmöglichkeit geschaffen werden, die leicht zugänglich und den Jugendlichen bekannt (auch im Sinne von vertraut) ist.

Weitere zu berücksichtigende Umstände bei der Beteiligung von Jugendlichen sind:
1. Lange und abstrakte Prozesse und Diskussionen schrecken Jugendliche noch mehr ab als Erwachsene. Angebote aktionistischer Beteiligung sind daher ein relativ erfolgversprechenderes Mittel als langatmige Diskussionsprozesse, denn sie geben ein direkteres Gefühl dafür, dass das eigene Tun etwas bewirkt. Dies ist für Jugendliche sehr wichtig und damit auch ein Motiv, sich in solche Prozesse hineinzubegeben
2. Der Auftritt in der Öffentlichkeit gegenüber Unbekannten ist (noch) weniger vertraut und lässt Jugendliche daher leichter zurückschrecken und ihre eigentlichen Interessen nicht benennen. Wichtig scheint uns daher, Kontaktpersonen zu etablieren, die den Jugendlichen bekannt und vertraut sind.

Kriterien für die Beteiligung von Jugendlichen

Projekte und Strukturen in der Beteiligung von Jugendlichen sind sinnvoll, wenn sie es ermöglichen, die folgenden Kriterien zu erfüllen:

  • kontinuierliche Beteiligungs- und Veränderungsprozesse, stetiger Kontakt zwischen der Gemeinde und jugendlichen Freiraumnutzern
  • aktionistische Beteiligung
  • kurzfristige Zur-erfügung-Stellung von Flächen und Räumen, für die eigene Gestaltung durch die Jugendlichen.
    (Diese kurzfristige Zur-Verfügung-Stellung und möglicherweise auch nur temporär nutzbaren Räumen hat den Vorteil eines geringen Mitteleinsatzes, bedarf aber einer relativ zeitaufwändigen kontinuierlichen Kontaktpflege.)

Unserer Meinung nach bieten sowohl der Aufbau des Projektes teens_open_space wie auch die von den Jugendlichen in der Zukunftswerkstatt erarbeiteten Projekte eine gute Ausgangslage, diesen Kriterien gerecht zu werden.

Einschätzung der erarbeiteten Ergebnisse

Die entstandenen Projekte - die zwei Vorschläge zum Thema Jugendpark bzw. der Vorschlag zur Gestaltung und Pflege des Schillerplatzes - sind aus unserer Sicht so realistisch, dass daraus umsetzbare Maßnahmen entwickelt werden können. Die Projekte sind konkret und reflektieren die bei den unterschiedlichen Gruppen vorhandenen Interessenslagen. Wichtig daran ist, dass
die Vorschläge tatsächlich von ihnen miterarbeitet wurden, die Vorschläge für diese Jugendlichen vorstellbar und konkret sind,
ihre weitere Beteiligung auch für die Jugendlichen selbst vorstellbar ist, denn wesentliche Interessen der Jugendlichen liegen
- in der Auseinandersetzung mit Verantwortung,
- im Wunsch für voll genommen zu werden und
- in der Tatsache, dass sie Einfluss nehmen können.

Wenn man diese sechs Punkte beachtet, so ergibt sich daraus eine Schlussfolgerung für den Umgang mit den Projektvorschlägen der Jugendlichen. Es geht nicht um eine Eins-zu-Eins-Umsetzung dieser Projektvorschläge, sondern um eine realistische Weiterentwicklung, an der die Jugendlichen weiterhin beteiligt sein müssen. Gerade die Einbeziehung in den Prozess der Aushandlung und des Interessensausgleichs vermittelt jene Erfahrung von "seinen Einfluss spüren", "Verantwortung übernehmen" und "für voll genommen zu werden". Einbeziehung der Jugendlichen in diesem Sinne hat zur Voraussetzung, dass ihre Interessen wirklich beachtet werden und dass letztendlich nicht doch Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Kurz gesagt: Wenn die Jugendlichen das Gefühl haben, dass ihre Botschaft gehört wurde und das auch tatsächlich Konsequenzen hat, dann werden sie die Bereitschaft haben Notwendigkeiten und Erkenntnisse der anderen Seite zu akzeptieren.

Eine Crux für das weitere Gelingen ist dabei die Anzahl der beteiligten Jugendlichen, der Zusammenhalt und die Kontinuität der Projektgruppen. Ein Hindernis stellt der beträchtliche Zeitraum zwischen den Beteiligungsphasen (Werkstätten) dar, aber auch die heterogene Zusammensetzung der Jugendlichen in der Zukunftswerkstatt wie auch teilweise in den einzelnen Projektgruppen. Während der Zukunftswerkstatt erwies sich die große altersmäßige Bandbreite als schwierig, wobei sie auch zu wichtigen Auseinandersetzungen führte. Für die Kontinuität der Projektgruppen, die sich von vornherein nach Altersgruppen gebildet hatten, stellte der fehlende Alltagskontakt den hinderlichen Aspekt dar. Die Jugendlichen in den Projektgruppen zum Jugendpark kamen teilweise aus unterschiedlichen Schulen und hatten bisher auch sonst keinen privaten Berührungspunkt. Wo der Alltagskontakt nicht gegeben ist, ist die Gefahr des Zerfallens der Gruppe und damit auch das Schwinden des Interesses am Projekt grösser. Daher scheint es uns wichtig gemeinsam mit den Jugendlichen weitere Jugendliche anzusprechen, vorzugsweise - aber nicht ausschließlich - aus dem Bekanntenkreis der schon jetzt beteiligten Jugendlichen.

Auch in den anderen formulierten Ideen - Jobbörse, attraktiver Wasserort, Gestaltung unästhetischer Stadtplätze, ... stecken mögliche Projekte, die die Stadt für Jugendliche besser nutzbar, unterstützender und angenehmer machen würden. An deren Umsetzung haben sie in unterschiedlichem Ausmaß Interesse gezeigt.

Die City_line

Die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt wurden am 22.5.01 in einer Runde mit Jugendlichen, dem PlanerInnenteam und Vertretern von Stadtverwaltung und Gemeinderat diskutiert. Die gemeinsame Diskussion dieser drei Gruppen erwies sich aus unserer Sicht als sehr fruchtbar, da sie an die Stelle diffuser Vorstellungen über die Interessen und Wünsche der jeweils anderen Seite(n) einen direkten Austausch darüber setzte. In der Folge wurden auch in einigen Fragen Übereinstimmungen erzielt und konkrete Möglichkeiten (sprich: mögliche Orte und Rahmenbedingungen) für die Umsetzung der Interessen und Vorschläge der Jugendlichen erarbeitet. Eine solche Veranstaltung scheint bei jedem Projekt dieser Art sehr sinnvoll. Sehr positiv war dabei die Qualität der Beteiligung der Stadt, d.h. dass mehrere Entscheidungsträger aus verschiedenen Bereichen einschließlich des Bürgermeisters anwesend waren. Eine Verbesserung scheint unserer Meinung noch im Zeitpunkt dieser Veranstaltung möglich zu sein. Steht ein derartiges Treffen ganz am Anfang eines solchen Projektes kann es einige Missverständnisse, offene Fragen und Zweifel schon von vornherein entkräften. So stellt sich Jugendlichen, wenn sie zu Beteiligungsveranstaltungen wie der Zukunftswerkstatt eingeladen werden, die Frage "Kommt da wirklich was raus? Gibt es wirklich den Willen, unsere Ideen und Vorschläge ernst zu nehmen?". Derartigen Zögerlichkeiten und Zweifeln könnte eine früher gelagerte Veranstaltung dieser Art noch besser gegensteuern - oder den Jugendlichen zumindest eine bessere Einschätzung ermöglichen.


Empfehlung:

1. Die erarbeiteten Projekte sollten mit den Jugendlichen gemeinsam weiter entwickelt werden, sodass sie mit dem vom Planungsteam erarbeiteten Freiraumplan vereinbar sind.
2. Es sollten eine oder mehrere Vertrauens- und Kontaktpersonen etabliert werden, die einen kontinuierlichen und einfachen Zugang von Jugendlichen zur Stadt ermöglichen. Diesbezüglich wäre ein Austausch mit erfahrenen Parkbetreuern sinnvoll.
3. Die Pflege der für Jugendliche konzipierten Flächen sollte mittels Jobbörse als bezahlte Tätigkeit an Jugendliche vergeben werden. Damit wären mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, nämlich die Flächen würden gepflegt, die Jugendlichen selbst würden Verantwortung tragen und ein Grund für einen einfachen, regelmäßigen und selbstverständlichen Kontakt und Austausch zwischen Jugendlichen und einer Kontaktperson der Stadt wäre gegeben.

Oliver Schrader