LANDSCHAFTS- UND FREIRAUMPLANUNG IN STADT UND GEMEINDE

BERICHT ZUR TAGUNG

Die Fachtagung in Bruck an der Mur am 20. November 2001 war dem Thema Freiraumplanung für Gemeinden gewidmet.
Das Forschungs- und Planungsteam stellte das Kulturlandschaftsforschungsprojekt ‚Soziale Vorrangflächen - Freiraumplanung im Interesse der Jugendlichen' vor. Die Projektbetreuer Peter Nistelberger, Raumplanungsbeauftragter von Bruck an der Mur, und Dieter Schoeller, Leiter der Fachabteilung Örtliche Raumplanung beim Land Steiermark, legten Möglichkeiten, Chancen und Notwendigkeit einer sozial verstandenen Freiraumplanung dar. Ein Freiraumspaziergang, Fachvorträge und Workshops boten verschiedene Zugänge zum Thema. Die Tagung wurde vom österreichischen Städtebund - Landesgruppe Steiermark, von der Stadt Bruck an der Mur, vom Amt der Steiermärkischen Landesregierung - Örtliche Raumplanung und Gemeindeentwicklung, von der Koordinationsstelle Kulturlandschaftsforschung im bm:bwk und dem Team des Kulturlandschaftsforschungsprojektes ‚Soziale Vorrangflächen - Freiraumplanung im Interesse der Jugendlichen' getragen.

Die Veranstaltung stieß nicht nur in der Steiermark sondern auch bei PlanungskollegInnen aus anderen Bundesländern auf breites Interesse. Freiraumplanung findet erst in wenigen österreichischen Land- und Stadtgemeinden statt. Der Planungsprozess in Bruck an der Mur hat damit Pilotcharakter. Dass der Freiraumplanung in der Gemeindepolitik und im Gemeindealltag viel mehr Bedeutung zukommen müsste, war bei den rund 50 TeilnehmerInnen unumstritten. Der Freiraumplan Bruck/Mur und die Brucker Freiraumtagung gaben Impulse, Interesse für die Freiraumplanung zu wecken und für die soziale Bedeutung von Freiräumen zu sensibilisieren.

Willkommen

Freiraumplan wird in der Gemeinde verankert
Der Bürgermeister der Stadt Bruck/Mur Bernd Rosenberger drückt seinen Stolz aus, teens_open_space in seiner Gemeinde zu haben. Er bekräftigt das im Raumordnungsbeirat beschlossene Bekenntnis, den im Rahmen des Forschungsprojektes erarbeiteten Freiraumplan in der Gemeinde zu verankern und in die Stadtentwicklung einfließen zu lassen. Christian Smoliner, Leiter des Forschungsprogrammes Kulturlandschaft im bm:bwk, bekräftigt in einem an die TagungsteilnehmerInnen gerichteten Brief das Angebot eines Monitorings des vom Forschungsprojekt in der Stadt Bruck/Mur initiierten Prozesses.


Freiraumspaziergang zu Umsetzungsorten von teens_open_space

Ein Unort
In der Zukunftswerkstatt haben Jugendliche die Räume an und unter der Hochbrücke in Bruck/Mur als Unorte thematisiert. Eine Gruppe von Mädchen hat die Planungs- und Bauwerkstatt genützt, um mit einer künstlerischen Intervention die Aufmerksamkeit auf diesen Ort zu lenken. Ihr Statement lässt an Freiraum denken, wo keiner zu sein scheint. Im Freiraumplan wurden neben der gestalterischen Aufwertung des Bereiches Hochbrücke Maßnahmen für den nördlichen Teil der vom KFZ-Verkehr geprägten Wiener Straße formuliert: Die Verlangsamung des Verkehrs, die Aufwertung der Fuß- und Radfahrbereiche und eine verbesserte Längs- und Querstruktur können die Freiraumqualität für PassantInnen und AnrainerInnen erhöhen.

Rückzugsort und Treffpunkt
Der Stadtpark wurde dem Forschungsteam schon bei der Begehung der Lieblings- und Gruselorte - dem Einstieg in die Jugendbeteiligung - vorgeführt. Ein Winkel abseits der stärker frequentierten Wege ist Pausenraum, Treffpunkt und Rückzugsort von SchülerInnen. Ein Pavillon, einer der zahlreichen Vorschläge der Jugendlichen für den Stadtpark, wurde in der Bauwerkstatt an jenem Ort errichtet. Im Freiraumplan wurde aus den Vorschlägen ein Struktur- und Nutzungskonzept gefiltert.


Fragen der Jugendbeteiligung
Ermöglicht wurde die rasche Umsetzung der erst im Laufe des Projekts entwickelten Vorschläge durch die frühzeitige Einbindung der Gemeinde. Bereits nach der Zukunftswerkstatt verhandelten die Jugendlichen mit GemeindevertreterInnen um potentielle Umsetzungsorte. Auf der Basis einer von den Jugendlichen erstellten Prioritätenreihung der verschiedenen Entwürfe aus der Planungswerkstatt wurden dann die Details der Umsetzung und Finanzierung vereinbart.
Die Jugendlichen haben die Bauwerke in zwei jeweils zweitägigen Arbeitsphasen errichtet. Ihre Arbeit umfasste den gesamten Bau, einschließlich der Herstellung des Planums, dem Zuschnitt des Baumaterials und dem Roden von Gehölzen.

 

Fachbeiträge

Landschafts- und Freiraumplanung tun Not
Laut Dieter Schoeller, Leiter der Fachabteilung für Örtliche Raumplanung und Gemeindeentwicklung des Landes Steiermark, gab es bereits verschiedene Anläufe zur Verankerung der Landschafts- und Freiraumplanung in der Gesetzgebung des Landes. Der Prozess ist in letzter Zeit allerdings ins Stocken geraten. Schoeller stellt ein verstärktes Bemühen um die gesetzliche Verankerung im Land Steiermark in Aussicht und wirft die Frage auf, welche (Planungs-) Ebene für eine Verankerung am geeignetsten wäre. Im Land Steiermark wurden bereits auf verschiedenen Ebenen landschaftsplanerische Arbeiten beauftragt: regional für Regionale Entwicklungsprogramme, kommunal für Örtliche Entwicklungskonzepte oder als eigene Sachbereichskonzepte sowie auf der Objektplanungsebene. Das Referat macht deutlich: Im Vordergrund stand bisher Landschaftsbild und -gestaltung. Ansätze einer sozial verstandenen Freiraumplanung sind noch rar.

Über die soziale Befindlichkeit einer Stadt nachdenken
Peter Nistelberger, Projektbetreuer von teens_open_space in der Stadt Bruck, betont die Notwendigkeit neben den ‚hard-facts' der Raumplanung die ‚soft-facts' zu berücksichtigen. Eine demokratische Gesellschaft könne letztendlich nur auf einer gerechten Freiraumverteilung gründen. Es lohnt, im Zuge der Neugestaltung eines Platzes über die soziale Befindlichkeit einer Stadt nachzudenken: In welchem Verhältnis stehen den AnrainerInnen öffentliche und private Flächen zur Verfügung, welche Entfaltungsmöglichkeiten bieten sie, wie sind sie zoniert, vernetzt, wird jemand ‚zwangsbeglückt'? Eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber der Freiraumentwicklung wird laut Nistelberger immer wichtiger, da Expansion als die vorrangige Strategie in der Stadtentwicklung an reale Grenzen stößt.

Was wird aus den Freiräumen in Bruck an der Mur?
Als Partnerin eines einjährigen Forschungsprojektes hat sich die Stadt Bruck an der Mur auf einen kontroversiellen Prozess eingelassen. Laut Nistelberger hat sich die inhaltliche Auseinandersetzung um das Stadtentwicklungskonzept verlebendigt, in der Gemeinde etabliert sich eine fachübergreifende Zusammenarbeit. Zur Weiterführung des Themas wurde ein Neun-Punkte-Programm ausgearbeitet. Die Stadt Bruck strebt die Ausweitung des Beteiligungsprozesses auf andere Zielgruppen und - nach noch laufenden Abstimmungen - den Beschluss des Freiraumplans als Sachprogramm zum Stadtentwicklungskonzept an.


Der Freiraumplan der Stadt Bruck
Im Rahmen des Projektes ‚Soziale Vorrangflächen' wurde auf Grundlage der Jugendbeteiligung und der Freiraumerhebung ein Freiraumplan erarbeitet, der von Maria Baumgartner, Gudrun Müller und Karin Standler vorgestellt wird. In mehreren Planungslayern werden an ausgewählten Beispielen Maßnahmen zur Verbesserung der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Freiräumen dargestellt. Der Freiraumplan einschließlich einer textlichen Kurzfassung und der Vorarbeiten sind unter www.teensopenspace.at einsehbar.


Workshops

Freiraumplanung im Spannungsfeld von Flächenmangel und Standorteignung

Impulsreferat: Maria Baumgartner, teens_open_space
Berichterstatter: Günther Trost, Fachabteilung Örtliche Raumplanung und Gemeindeentwicklung, Land Steiermark

Das Steiermärkische Raumordnungsgesetz definiert "Freiland" als all jene Flächen, die nicht Bauland oder Verkehrsflächen sind. Im Gegensatz dazu hat die Forschungsarbeit am Freiraumplan der Stadt Bruck/Mur gezeigt, dass die Bebauung die Verfügbarkeit und die Qualität von städtischen Freiräumen wesentlich beeinflusst und der Hauptteil des Freiraumangebotes, nämlich private, siedlungsöffentliche und institutionelle Freiräume, innerhalb des Baulandes liegt. Auch ein hoher Versiegelungsgrad oder die verkehrstechnische Nutzung einer Fläche schließen deren Qualität als Freiraum nicht aus, im Gegenteil: Straßen, Wege und (befestigte) Plätze sind die elementarsten öffentlichen Freiräume einer Stadt und unabkömmlich für die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte.

Freiraumplanung in der Bebauungsplanung
In der Diskussion wird betont, dass der derzeit geringen Akzeptanz der Freiraumplanung mit der Vergabe von Stadtentwicklungskonzepten an LandschaftsplanerInnen oder an gleichberechtigte Teams von Landschafts- und RaumplanerInnen begegnet werden sollte. Zur Erhöhung der Freiraumqualität sind auch die Erstellung von Erschließungs- und Freiraumkonzepten als Vorgabe für Architekturwettbewerbe denkbar. Günther Trost von der Fachabteilung für Raumplanung des Landes Steiermark schlägt vor, LandschaftsplanerInnen auch als städtebauliche GutachterInnen beizuziehen und spricht sich dafür aus, in Zukunft für größere Gebiete städtebauliche Konzepte erarbeiten zu lassen. Bebauungspläne sollten für jene Flächen erstellt werden, deren rasche Bebauung gesichert ist, damit jeweils die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen einfließen können.

Bürgerbeteiligung in der Bebauungs- und Entwicklungsplanung
In den Freiraumplan von Bruck/Mur sind die im Rahmen der Jugendbeteiligung formulierten Vorschläge und Ansprüche der Jugendlichen eingeflossen. Der Plan könnte mit Jugendlichen noch diskutiert werden, zum Beispiel in dem in Aufbau befindlichen Jugendparlament. Die eigenständige Erarbeitung von Planungen auf gesamtstädtischer Ebene durch Jugendliche wird von der Diskussionsrunde als unrealistisch eingeschätzt.

Qualitätsansprüche an soziale Freiräume: Planungshilfen für Parks, Straßen, Kleingärten, Siedlungen

Impulsreferat: Gudrun Müller, teens_open_space
Berichterstatterin: Dagmar Grimm-Pretner, Institut für Freiraumgestaltung und Landschaftspflege, Universität für Bodenkultur

Anspruch des Forschungsprojektes war, Sensiblität für die soziale Bedeutung von Freiräumen zu schaffen und diesbezügliche Qualitätsansprüche zu vermitteln. Mit den ‚Kriterien zur Bewertung der sozialen und räumlichen Qualität von Freiräumen und Planungsprinzipien für den Freiraumplan' bereitete das Projektteam die stärker tagespolitisch geprägte Diskussion der Maßnahmen in der Gemeinde vor. Sie wurden von der das Projekt begleitenden Arbeitsgruppe auch evaluiert. Weiteres Werkzeug der Vermittlung sozialer Qualitätsansprüche sind die im Rahmen des Freiraumplans erarbeiteten Nutzungs- und Strukturkonzepte - ein Instrument, das soziale Notwendigkeiten unabhängig von gestalterischen Fragen und Moden darstellt.


Der Verständigungsprozess geht weiter
Die fachliche Diskussion auf einer prinzipiellen Ebene ist in der Gemeinde ungewohnt - das Tagesgeschäft in der Verwaltung scheint nach fertigen Rezepten zu verlangen. Theoretische Diskussionen und übergeordnete Planungen sind allerdings nötig, damit neue Inhalte, wie die soziale Wertigkeit von Freiräumen, mit der Zeit auch in den Verwaltungsalltag Eingang finden können. Der Prozess der Verständigung setzt sich mit der Vorlage konkreter Maßnahmen fort, wird vertieft und präzisiert.
Die soziale Wertigkeit von Freiräumen im Planungsalltag zu verankern bedeutet auch eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Disziplinen. Der Austausch findet im interdisziplinären Projektteam statt und bezieht auch die PlanerInnen (OrtsplanerInnen) vor Ort ein. In der Diskussion über die Bedeutung des vorgelegten Freiraumplanes wird deutlich, dass der Austausch zwischen Gemeinde und PlanerInnen / ForscherInnen immer auch eine Begriffsdiskussion ist - neue PartnerInnen müssen erst eine gemeinsame Sprache finden.

Der Freiraumplan als zukunftsweisendes Instrument der Gemeindeplanung

Impulsreferat: Sibylla Zech, teens_open_space
Berichterstatterin: Gisa Ruland, Institut für Landschaftsplanung, TU Wien

Inwieweit ein Freiraumplan lebendig wird und schließlich gelebt wird, hängt von der rechtlichen Verbindlichkeit, der Vernetzung innerhalb der Verwaltung und von der Entstehung und Umsetzung ab. Partizipative Freiraumplanung öffnet mentale Freiräume. Sie findet nicht nur auf dem Papier, in den Plänen der Stadtplanung ihren Niederschlag, sondern bildet Freiräume in den Köpfen der Beteiligten - bei PolitikerInnen, Planungsfachleuten, BewohnerInnen, InvestorInnen, bei MeinungsmacherInnen im Bildungs- und Mediensektor.
Die Diskussion zeigt Hürden, aber auch Wege einer aktiven Freiraumplanung auf.

Planungswerkzeug Freiraumplan
Die Vielfalt der Begriffe für Instrumente der Landschafts- und Freiraumplanung, ohne dass klare Leistungsbilder vorhanden sind, sollte entwirrt werden. Im Sinne eines maßgeschneiderten Werkzeuges wurde diskutiert, nur mehr die maßstabsunabhängige Bezeichnung "Freiraumplan" zu verwenden. Der "Freiraumplan" wäre dann auf den verschiedenen Maßstabsebenen der Stadtplanung, Flächenwidmungsplanung und Bebauungsplanung zu erstellen.
Der Freiraumplan könnte dem Bebauungsplan zu einer Renaissance verhelfen. Die Tools des Bebauungsplans (Baulinien, Dichte, Gebäudehöhe, Parzellierung) bestimmen den Rahmen für Freiräume. Ein Bebauungsplan, der sich mit freiraumplanerischem Input auf die raumgebenden Festlegungen konzentriert, initiiert nachhaltige Freiraumqualitäten, wobei der architektonische Gestaltungsspielraum erhalten bleibt.

Von der Freifläche zum Freiraum
Unter Freiflächen werden im allgemeinen österreichischen Planungssprachgebrauch "Nicht-Bauflächen" verstanden. Widmungstechnisch sind Freiflächen eine Restkategorie, Straßen, Wege und Plätze nichts weiter als "Verkehrsflächen". Oder wie es im Steiermärkischen Raumordnungsgesetz heißt, Flächen für den fließenden und ruhenden Verkehr sowie für die Aufschließung des Baulandes. Diese Definitionen widersprechen der sozialen Bedeutung öffentlicher Freiräume.

Rechtliche Freiräume aktivieren
Einen Freiraumplan als eigenständiges Planungsinstrument oder integrativ im Rahmen der örtlichen Raumplanung zu erstellen, liegt im Ermessen der Gemeinde. Die TeilnehmerInnen messen der rechtlichen Verpflichtung zur Freiraumplanung große Bedeutung zu, eine nominelle Verankerung in den österreichischen Planungsgesetzen scheint jedoch in weiter Ferne. Allerdings beschränken sich rechtsverbindliche Pläne oft auf weiche Formulierungen und örtlich wenig präzise Aussagen. Daher kommt einem partizipativ vernetzten Planungsprozess besondere Bedeutung zu. Freiraumplanung schafft Freiräume in natura und im Kopf - Freiraumqualität, Wohnqualität, Selbstbewusstsein, Image und Standortqualität. Dies ergibt eine Triple-Win Situation in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht.

Maria Baumgartner, Gudrun Müller, Karin Standler, Sibylla Zech

Fotos: Stadt Bruck/Mur

 

 

 

 

Tagungsprogramm