Lieblingsorte in Bruck Bericht

Die Begehung der Orte des Spielens, des Alltags mit den NutzerInnen erfasst "mentale Landkarten" von Jugendlichen und zeigt ein authentisches Bild der Freiraumsituation von Jugendlichen, ihres Verhaltens, ihrer Interessen und ihrer Verbesserungsvorschläge. In der Auseinandersetzung mit ihren Lieblings- und Gruselorten sind die räumliche Organisation und die soziale Dimension von Jugendfreiräumen angesprochen.

 

 

 

 

Fakten zur Begehung der Lieblingsorte:

7 Termine am 23. und 24. März, 39 TeilnehmerInnen, 18 Protokolle zu Lieblingsorten, 7 Protokolle zu Gruselorten
Begehung Lieblingsorte: Pfarrhof - Caritasfläche (Fussball), Pfarrgarten, Schillerplatz - Fußballplatz (Schulfläche) und Spielplatz, Stadtpark, Murspitz, Schwimmbad, Schloßberg, Sportfläche, Murspitz, Murinsel, Mittergasse, Minoritenplatz, Hauptplatz, Gymnasiumpark, Abenteuerspielplatz, Wohnsiedlung, Wiese Mandl-Bauer, Sonnwiese.
Begehung Gruselorte: Heberplatzl, Innenhof der Realschule Schillerstraße, Kreisverkehr bei Brücke/Forstschule, Schulhof des Bundesrealgymnasium, Durchgangsbogen Am Grazer Tor (entlang Minoritenkirche), Durchgang Minoritenkirche.
Aktion: Freiraumaktion am 29.3.01: Setze eine Blumenzwiebel an deinen Lieblingsort, suche den geeigneten Platz für sie.
Versendung von 39 Blumenzwiebeln an die bei teens_open_space angemeldeten Jugendlichen: Reaktion auf die Begehung der Lieblingsorte, bei der das geringe Eingreifen in und Aneignen von Orten sichtbar wurde.
Nur drei Lilien wurden nach den Berichten der Jugendlichen am Lieblingsort (Murinsel) gesetzt. Für die meisten Lilien wurde kein geeigneter Platz am Lieblingsort gefunden; sie wären dort zu ungeschützt, Pflege würde ihnen fehlen und die Gefahr, dass sie niedergetreten werden, ist zu groß. Die meisten Zwiebeln landeten in Blumentöpfen, im eigenen Garten und einige fanden keinen Platz.

Kriterien für Lieblingsorte aus der Sicht der in Bruck lebenden Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren leiten wir von ihren Beschreibungen während der Begehungen ab:
Lieblingsorte sind Freiflächen mit freiem Zugang, meist ein öffentlicher Platz oder Park, selten Privatflächen. Es sind definierte Räume. Ungenutzte Räume, Baustellen, Brachland und Niemandsländer werden wenig angeeignet. Die Freiräume werden meist in ihrer von der Stadt vorgesehenen Funktion genutzt. Die Jugendlichen greifen kaum verändernd in Freiräume ein.

Was macht die Beliebtheit der Lieblingsorte aus?
Beliebt sind Ecken in öffentlichen Parks, wo die Einsichtigkeit gering ist, nach dem Motto -- sehen aber nicht gesehen werden. Ruhige Atmosphäre ist häufig Voraussetzung für einen Lieblingsort.
Die Freiräume werden an erste Stelle als Kommunikations- und Aufenthaltsorte, an zweiter Stelle als Bewegungsorte und an dritter Stelle als Rückzugsräume genutzt. Die Nutzung ist geschlechtsspezifisch: Mädchen suchen Rückzugsräume, die Buben wollen mehr Bewegungsräume, gemeinsam möchten sie Kommunikationsräume nutzen.

Was machen die Jugendlichen am liebsten im Freiraum?
Die Haupttätigkeiten an den Lieblingsorten sind sich zu Treffen, Sitzen und Reden. Spielen im Sinne von sportlicher Betätigung ist die zweit bedeutendste Tätigkeit am Lieblingsort. Gerne werden Feste im Außenraum gefeiert. Die Orte werden selten alleine aufgesucht, meist in der Gruppe mit FreundInnen. Die genannten Orte werden teilweise täglich aufgesucht - vor, während und nach der Schule bis in die Abendstunden.

Was soll sich am Lieblingsort ändern?
Die Jugendlichen wünschen Veränderungen bestehender Ausstattungselemente und eine bessere Gliederung und Instandhaltung der Freiräume. Die Freiräume werden als zu wenig differenziert empfunden, fehlende Ausstattungselemente, insbesondere fehlende Sitzgelegenheiten, beschränken die Nutzbarkeit. Eine Variabilität der Nutzung ist durch die derzeitige Ausstattung kaum vorhanden, Bänke sind nicht zu verschieben. Die Wünsche der Mädchen sind vorwiegend attraktive Rückzugsräume, die der Buben Sport- und Spielflächen. Keiner der genannten Orte ist von einem Verschwinden bedroht.

Warum sind Gruselorte Unorte?
Gruselorte sind häufig durch Verkehr oder sonstige "Störfaktoren" (AlkoholikerInnen, Aufsichtspersonen) beeinträchtigte Aufenthaltsorte. Sie haben keine Atmosphäre, sind kahl und laut. Die Ausstattung ist einseitig, die Vegetation monoton. Die Nutzungsmöglichkeiten sind gering. Sie sind Durchgangsorte und laden nicht zum Aufenthalt ein. Diese Orte zeigen den Verfall des öffentlichen Raumes. Die Unorte sind Angsträume.

Reminiszenz an Lieblingsorte
Neun Erwachsene zeigen ihre Lieblingsorte aus der Jugend. Gemeinsam ist den Orten, dass sie durch Straßenbau und Siedlungstätigkeit verschwunden sind. Die Orte lagen am Siedlungsrand, (Wiese Mandl-Bauer, Sonnwiese, Lehmgrube) an Schnittstellen und Übergängen von verschiedenen Nutzungen wie Siedlung, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Abbaugebiet. Die Orte waren tägliche Treffpunkte. Sie lebten durch ihre NutzerInnen. Brunnen, Bankerl unter Baum, Zaun zum Sitzen, geschotterte Fläche, Wegkreuzung zeichneten die Orte aus. Mit dem Verschwinden der Orte ist nicht nur der Treffpunkt, sondern auch die Mitbestimmung am Geschehen, der mentale Freiraum verloren gegangen.

Gebrauchsfähigkeit der Freiräume für Jugendlichen

Die Kritik an der Funktionalisierung und Spezialisierung sowie an der mangelnden Gebrauchsfähigkeit der Freiräume betrifft insbesondere die Gruppe der Jugendlichen. Die Flächen sind für sie nicht genügend tauglich, der aktive Gebrauch ist generell nicht vorgesehen (vgl. Fester 1983:31). Ein Teil des Freiflächenmangels resultiert aus der exklusiven Zuordnung der Flächen an spezifische Nutzergruppen: Skaterplatz für Skater, Kinderspielplätze für Kinder, ... Im Jugendalltag ist das Wohnumfeld als Feiraum nicht verankert. Der Aktionsradius beginnt in den Köpfen der Jugendlichen außerhalb ihrer Wohnsituation.

Der öffentliche Park ist Kommunikationsort für Jugendliche, außerhalb der sozialen Kontrolle der unmittelbaren Wohnumgebung (Stadtpark). Fußgängerzonen sind beliebte Treffpunkte und Aufenthaltsorte von Mädchen. Ihre Attraktion besteht darin, dass sie als viel frequentierte Alltagsorte mit jugendspezifischen Interessen überlagert werden können, z.B. andere Jugendliche treffen, zwischen den Leuten durchskaten oder bummeln (Mittergasse).

Rückzugsräume sind vor der unmittelbaren Einsicht und sozialen Kontrolle geschützte Bereiche, Teil- oder Randbereiche von größeren Grünflächen, Parks und Spielplätzen. Die Flächen sind weitgehend ihrer sonstigen gesellschaftlichen Nutzung enthoben. Es sind dort keine Besitzansprüche vorhanden und sie erfüllen keinen Geschäftszweck (Murspitz, Schloßberg).

Bewegungsräume: Grünflächen, Straßenräume, Sport- und Freizeiteinrichtungen. Auch diese Orte werden im wesentlichen als Treffpunkte und Aufenthaltsorte genutzt. An diesen Orten ist eine Kombination von nicht organisiertem Sport und Kontakten mit anderen Jugendlichen möglich (Skaterbahn, Schwimmbad, Fußballplatz am Schillerplatz).

Die Fremdnutzung von Orten mit ursprünglich anderer Zweckbestimmung deutet auf die Funktionalisierung einzelner Orte für eine spezielle Nutzergruppe hin, an die sich die Jugendlichen nicht halten (Abenteuerspielplatz).

Freiraumbeziehungen von Jugendlichen

Am Beispiel der Jugendlichen wird deutlich, wie man im guten Irrglauben "Wir tun viel für Jugendliche" an der Realität vorbeigehen kann. Die Jugendliche sind potenziell intensive NutzerInnen. Die Herstellung von adäquaten Freiraumausstattungen für Jugendliche braucht eine genaue, fachlich fundierte Auseinandersetzung und Aufbereitung. Die Freiraumnutzungen der Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren sind ein vernachlässigtes Feld der Jugend- und Freiraumforschung. "Die Jugendphase ist aber eine Phase tiefgreifender Verhaltensänderungen und -unsicherheiten. Gerade in den verschiedensten (unangepaßten) Verhaltensformen, (plötzlichen) Verhaltensänderungen und -unsicherheiten äußert sich jedoch die jugendliche Persönlichkeitsfindung und damit die Entwicklung einer eigenständigen Ich-Identität und Ich-Akzentuierung." (Rixa Gohde-Ahrens, 1998:9)

Die Untersuchung der Freiraumbeziehungen von Jugendlichen widmet sich der Aneignung und Nutzbarkeit von Freiräumen, der Identifikation mit Freiräumen, den Veränderungen der Freiräume durch Nutzung, den Freiräumen in Siedlungen, Straßen (alltägliche Wege) sowie den Aktionsradien und der räumlichen Zusammenhängen zwischen den Flächen.
Für die hier betrachtete Gruppe der Jugendlichen bedeutet Freiraum, ihnen ihren Platz in der räumlichen Umwelt einzuräumen, ihren Raumbeziehungen in der Organisation und Planung von Stadträumen Platz zu geben und ihnen selbstbestimmte Spiel- und Entfaltungsräume zu überlassen.

Die Begehung der Lieblingsorte zeigt die Vorliebe zu bestimmten Ausstattungselementen (Möbeln) der Orte. Die wahrgenommenen Eigenschaften von Freiräumen und ihre gestalterischen Defizite lassen sich in der Zukunfts-, Planungs- und Bauwerkstatt weiter bearbeiten. Die Nutzungsansprüche der Jugendlichen werden in den einzelnen Werkstätten ausgearbeitet und fließen integrativ in die Erstellung des Freiraumplans für Bruck ein, denn: "Die Zuweisung eines gesellschaftlichen Ortes an eine soziale Gruppe ist zugleich eine räumliche und erfordert den gesellschaftlichen Ort näher zu bestimmen" (vgl. Fester 1983:12).
Für die Freiflächenerhebung wurden Lieblings- und Gruselorte ausgewählt. Sie sind Grundlage für die Formulierung von Beurteilungskriterien für Freiräume und für die Bewertung einzelner Flächen im Rahmen dieses Projektes zur Erstellung des Freiraumplans.

 

 

Freiräume im Test
Öffentliche Freiräume sollten multifunktional konzipiert sein. Sie müssen die Synthese der verschiedensten Teilnutzungen gewährleisten. Qualitäten von Plätzen, Straßenfreiräumen, Parks, Kinderspielflächen, wohnungsbezogenen Freiräumen und Grünflächen sind Gegenstand im Test.

Bei Begehungen und Analysen der Lieblingsorte werden die räumlichen Bedingungen der Freiräume gemeinsam mit Jugendlichen geprüft. Jugendliche brauchen und verwenden Raum zum Spielen, zur Bewegung, zur Kommunikation und zur Arbeit: privaten, halböffentlichen, öffentlichen Raum. Wie nutzen sie ihren Lebensraum, den Brucker Freiraum?

 

Testkriterien:

  • Zugänglichkeit: Eingrenzung, Wegeführung
  • Ausstattung: Bodenbeläge, Möblierung, Bepflanzung
  • Brauchbarkeit des Freiraums: Nutzungsspuren, altersspezifische und geschlechtsspezifische Nutzungen, Mehrfachnutzungen, Einsichtigkeit und soziale Kontrolle
  • Einpassung in Umfeld: Verbindungen zu angrenzende Nutzungen

Testergebnisse auf der Talk_ line

 

 

 


Karin Standler

Literatur:
Fester Frank, Kraft Sabine, Metzner Elke, 1983, Raum für soziales Leben. Eine Arbeitshilfe für die Planungs- und Entwurfpraxis, Karlsruhe

Gohde-Ahrens Rixa, 1998, Jugendliche im städtischen Freiraum und ihre Berücksichtigung in der räumlichen Planung, Schriftenreihe des Fachbereichs Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover

Grössinger Alice, Standler Karin, 2000, Beteiligung von jugendlichen Mädchen an Planungsprozessen am Beispiel einer Freifläche am Unteren Donaukanal, im Auftrag der Leitstelle für "Alltagsgerechtes- und frauengerechtes Planen und Bauen" Stadtbaudirektion Wien