Kriterien für die Beurteilung der räumlichen und sozialen Qualität von Freiräumen und Planungsprinzipien für den Freiraumplan

Die Bevölkerung einer Stadt braucht Freiräume mit unterschiedlichem sozialem Kontext - wie zum Beispiel belebte Orte und Rückzugsorte. Private Freiräume sind auch in der Innenstadt, öffentliche Parks auch in den Einfamilienhauswohngebieten oder zwischen Siedlungsneubauten nötig. Verknüpfungen und Abstufungen dieser unterschiedlichen Räume (=Vernetzung und Zonierung) bestimmen den Umgebungsbezug von Freiräumen und deren sozialen Kontext. Ein dichtes öffentliches Fuß-, Radwege- und Straßennetz stellt die Verbindungen zwischen den Freiräumen her. Eine klare Stadt- und Siedlungsstruktur mit Bebauungen entlang öffentlicher Straßen erleichtert die Orientierung und erhöht das Sicherheitsgefühl in der Stadt. Wesentlich sind auch Verbindungen zu land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen an den Siedlungsrändern und zu Gewässerufern.

* Seitens der Stadtplanung und -verwaltung sowie der örtlichen Raumordnung kann auf die generelle Verfügbarkeit und die Qualität der Freiräume Einfluss genommen werden. Ziel ist, die Freiflächen als Lebensräume der StadtbewohnerInnen zu sichern.


Im folgenden werden Qualitätskriterien öffentlicher und wohnungsbezogener Freiräume vorgestellt.

Die Kriterien fassen zusammen, was die Brucker Freiräume sozial und funktionell leisten sollten und nennen die wichtigsten räumlichen Voraussetzungen dieser Qualitätsansprüche. Die Kriterien wurden auf der Basis einer detaillierten Erhebung und Analyse der Brucker Freiräume zusammengestellt und mit Literaturbeiträgen verglichen.
Die Kriterien dienen der inhaltlichen Verständigung zwischen PlanerInnen, ForscherInnen, EntscheidungsträgerInnen und den BewohnerInnen. Die Kriterien sind eine Prüfgröße, ein Maßstab für Planung, Bau und Pflege der Brucker Freiräume und Entscheidungshilfe bei der Beauftragung von Planungen. Eine Skala zur Bewertung von Freiräumen wäre möglich.


ÖFFENTLICHE FREIRÄUME

In herkömmlichen Planungen wird die soziale Bedeutung von Freiräumen oft zuwenig beachtet. Sie ist allerdings ein Kennzeichen für das Funktionieren eines Freiraumes und Prüfstein für die zeitliche und räumliche Freiraumorganisation. Ein attraktiver öffentlicher Freiraum weist folgende Kennzeichen auf:

  • Angebot an unterschiedlichen Räumen
    Rückzugsräume (Kommunikation in Gruppen, lesen, sitzen, erholen,...), belebte Räume (sehen und gesehen werden, Kommunikation auch ohne vorherige Vereinbarung) und Bewegungsräume (Sport, Spiel) sichern eine sozial und funktionell differenzierte Freiraumnutzung.
  • Aufenthaltsqualität durch variable Ausstattung und nutzungsoffene Raumgliederung
    Der Raum ist vielfältig nutzbar und das Mobiliar vielseitig verwendbar. Robuste Materialien für Beläge und Mobiliar sowie strapazierfähige Rasen halten temporär auch höhere Belastungen bei Festen und Veranstaltungen aus. Mit einfachem Mobiliar wird im bestehenden Raum auf wechselnde Wünsche (zum Beispiel Trendsportarten) reagiert.
    Die Erstausstattung verändert sich mit der Nutzung, der Freiraum kann altern. Nutzungsspuren haben Aufforderungscharakter für die weitere Nutzung und werden nicht generell beseitigt. Trampelpfade ergänzen ein unzureichendes Wegenetz, wenn nötig werden sie nachträglich befestigt.
    Mehrfachnutzungen durch die temporäre Öffnung von Schul- und Vereinsfreiräumen für die Allgemeinheit erweitern das Freiraumangebot.
  • Erreichbarkeit
    Parks und Plätze sind rund um die Uhr zugänglich und im gesamten Stadtgebiet in höchstens fünf bis zehn Gehminuten erreichbar. Bei Trennlinien wie stark befahrenen Straßen gibt es Verbindungselemente (Fußgängerampeln, Durchlässe, Brücken,..) für den nicht motorisierten Verkehr.
  • Möglichkeit des Neben- und Miteinander verschiedener Gruppen
    Eine funktionell weitgehend unspezifische räumliche Gliederung innerhalb der Freiräume unterstützt die Mischung der Altersgruppen und parallele Nutzungen. Die Teilräume unterscheiden sich in ihrem sozialen Kontext (zum Beispiel belebte und nicht einsichtige Orte) und in unterschiedlich nutzbaren Bodenbelägen (zum Beispiel harte Beläge und Rasen).
  • Partizipation / Beteiligung der NutzerInnen in möglichst vielen Phasen
    Die Bevölkerung bestimmt sowohl bei der Planung als auch bei Veränderungen der Ausstattung, des Mobiliars und der Pflege mit. Neue NutzerInnen können in einen laufenden Partizipationsprozess einsteigen.


Straßen und Wege

Qualität als Aufenthaltsort und Weg

  • Der Straßenquerschnitt ist einfach gegliedert (zoniert): Zum Beispiel mit Vorgärten, Gehsteigen, Baum- und Parkstreifen neben der Fahrbahn. Eine Querung der Straßen ist auf der gesamten Länge möglich. Hecken haben im Straßenraum meist nichts verloren. Schrägparkordnungen erschweren oder verhindern die Querung, im besonderen mit Kinderwägen, Rollstühlen oder Fahrrädern. Der Straßenlängsschnitt ist mit Zebrastreifen, baulichen Querungshilfen, Torsituationen und platzartigen Erweiterungen gegliedert.
  • Die Pflanzenverwendung unterstützt die räumliche Funktion, sie hält nicht für die Behübschung und Kaschierung von Planungsdefiziten her. Nutzungsfördernde statt flächenbesetzende Bepflanzungen sowie betretbare Ausstattungen reduzieren den Pflegeaufwand und räumen FußgängerInnen mehr Platz ein: Alleebäume lassen viel Platz, wenn die Baumstreifen mit wassergebundenen Schotterdecken befestigt oder Baumscheiben mit Gittern abgedeckt sind. Zudem spenden die Baumkronen Schatten und schützen vor plötzlichen Regengüssen. Bodendecker- und Strauchpflanzungen hingegen reduzieren den nutzbaren Freiraum meist auf Kosten der FußgeherInnen und RadfahrerInnen.
  • Die Gehsteige sind ausreichend dimensioniert: In Wohnerschließungsstraßen mit geringer FußgeherInnenfrequenz sind die Gehsteige 1,5 Meter, sonst mindestens 2 Meter breit und nach Möglichkeit beidseitig angelegt. Gehsteigabschrägungen erleichtern die Querung der Fahrbahnen.
  • An Hauptverkehrsstraßen sind Radwege oder Radspuren angelegt. Sie sind durchgängig (kein abruptes Enden), sicher (Radwege auf Gehsteigniveau sind nicht unbedingt unfallfreier) und pro Fahrtrichtung zumindest ein Meter breit.
    Zwischen den Bebauungen und dem Straßenraum besteht ein räumlicher und funktioneller Bezug: Eingänge zu Häusern, Gewerbe, Handel und öffentlichen Gebäuden liegen an der Straße. Die Straßen und Wege verbinden die Räume einer Stadt.
  • Die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Tempo 30 km/h innerhalb des Baulandes erhöhen die Sicherheit und den Aufenthaltscharakter in den Straßen und attraktivieren die angrenzenden Nutzungen.

Plätze, Parks, Parkanlagen und Naherholungsgebiete

Rückzug, Bewegung, Kommunikation, Möglichkeit paralleler Nutzungen

  • Parks und Parkanlagen weisen eine funktionell weitgehend unspezifische räumliche Gliederung in Teilräume mit unterschiedlichem sozialem Kontext auf, werden aber auch übergreifend erlebt.
  • Die räumliche Gliederung auch von Sportanlagen lässt die parallele Nutzung verschiedener Gruppen zu, im besonderen von Burschen und Mädchen sowie verschiedenen Altersgruppen. Den Teilräumen sind nicht vordefinierte Funktionen zugewiesen. Das würde die Nutzungsvielfalt einschränken, gemeinsame Nutzungen erschweren, einzelne Gruppen auf bestimmte Nutzungen festlegen und einer ‚Getthoisierung' Vorschub leisten.
  • Die Grenzen zwischen verschiedenen Teilräumen sind durchlässig und werden zum Beispiel als Sitzgelegenheit, zum Balancieren oder als Markierung für Spielfelder genutzt. Flächige Nutzungen wie Bewegungsspiele sind möglich.
  • Parks beinhalten sowohl Rückzugs- als auch belebte Orte, leise und laute. Einsichtige, abgeschiedene Orte entstehen an ‚toten' Grenzen wie Mauern und abgepflanzten Privatgärten. Belebte Teilräume weisen vielfältige Bezüge zur Umgebung auf - zum Beispiel zu kulturellen Einrichtungen, Wohnbauten und Geschäftsstraßen, die Durchgangsfrequenz ist hoch. Von den abgeschiedenen Orten sind die belebten Teilräume schnell zu erreichen.
  • Plätze grenzen an viele unterschiedliche Nutzungen, haben räumliche und funktionelle Bezüge zu privaten und institutionellen Innen- und Außenräumen sowie zahlreiche Verbindungen zu anderen öffentlichen Freiräumen. Viele und unterschiedliche Anlässe zum Aufenthalt im Freiraum erhöhen die Sicherheit.

Interpretationsspielraum für die NutzerInnen

  • Die Ausstattungen sind variabel nutzbar und können in der Nutzung verändert werden. Die Freiräume sind nicht flächendeckend mit monofunktionalen Spiel- und Sportanlagen besetzt und die Spielräume der NutzerInnen werden nicht durch administrative Nutzungsrestriktionen (Ge- und Verbote) eingeschränkt.
  • Strapazierfähige Bodenbeläge und Vegetationsausstattungen - zum Beispiel Pflaster- und Plattenbeläge, Asphalt, wassergebundene Schotterdecken, Rasen - fördern die Nutzung und erleichtern die Pflege.
  • Unterschiedliches Mobiliar sowie differenzierte ‚Fußböden' - zum Beispiel harte Plattenbeläge, wassergebundene Schotterdecken und Rasen - erweitern die Nutzungsmöglichkeiten.
  • Städtische Brachen und Baulücken werden von älteren Kindern und Jugendlichen angeeignet. Diese Freiräume ohne definierte Funktion - "dysfunktionale Freiräume" (vgl. HEINEMANN, G. / POMMERENING, C., 1989) - ergänzen das Angebot der gestalteten Parks und Plätze.

Vegetationsausstattung

  • Die Bepflanzung unterstützt die Nutzung, spendet Schatten, gliedert den Raum und schafft Sichtverbindungen. Das Bepflanzungskonzept stellt Bezüge zwischen den Freiräumen der Stadt her. Die Dekoration mit Pflanzen ist sparsam und schränkt die Freiraumnutzung nicht ein.


SIEDLUNGSBEZOGENE, GEMEINSCHAFTLICH GENUTZTE UND PRIVATE FREIRÄUME

Individueller Gestaltungsspielraum

  • Für alle BewohnerInnen sind wohnungsbezogene Freiräume mit individuellem Gestaltungsspielraum verfügbar. Sie eignen sich für Haus- und Betreuungsarbeit, für die Produktion von Obst und Gemüse. Diese Freiräume sind Rückzugsorte, gleichzeitig ist eine Kontaktaufnahme mit NachbarInnen und der Öffentlichkeit möglich.
  • Kinder können in einem überschaubaren Freiraum abseits gefährlicher Straßen unbeaufsichtigt spielen.

Gebrauchsorientierte Nutzungsvereinbarungen

  • Nutzungsvereinbarungen räumen den einzelnen BewohnerInnen einen möglichst großen Handlungsspielraum ein. Die Veränderung der Erstausstattung, im besonderen die Errichtung von Gartenhütten, der Anbau von Obst und Gemüse und die Veränderungen der Art der Grenzen sind erlaubt.


Siedlungsbezogehe und gemeinschaftlich genutzte Freiräume

Überschaubare Zuständigkeit, Aufenthaltsqualität, Variabilität in der Nutzung

  • Siedlungsöffentliche Freiräume ergänzen die privaten Freiräume, ersetzen diese aber nicht. Sie fördern gemeinsame und raumgreifende Nutzungen, wie Spiele und Feste. Die Spiel- und Aufenthaltsräume weisen Verbindungen zu privaten Freiräumen auf. Stark frequentierte Erschließungswege grenzen nicht an private Freiräume, da sie öffentlichen Charakter haben.
  • Deutliche Grenzen zwischen privaten, gemeinschaftlichen, siedlungsöffentlichen und öffentlichen Freiräumen vermitteln eindeutige Zuständigkeiten. Sie erleichtern Absprachen bezüglich der Veränderung und Nutzung der siedlungsöffentlichen und gemeinschaftlichen Freiräume. Etwa 1,2 Meter hohe Zäune grenzen die Freiräume platzsparend ab, sind durch- und überschaubar. Die BewohnerInnen können sie mit Hecken oder blickdichten Materialen ergänzen.
  • Die siedlungsöffentlichen Freiräume sind nutz- und betretbar, ihre Pflege orientiert sich an der Nutzung. Sie sind nicht flächendeckend mit funktionalisierten Ausstattungen, zum Beispiel Wäscheplätzen und Kinderspielgeräten, besetzt, da das die Nutzungsmöglichkeiten stark einschränken würde.
  • Gemeinschaftliche Freiräume sind von höchstens vier Parteien genutzt. Die BewohnerInnen sprechen die Nutzung ab, pflegen und gestalten die Freiräume selbst. Die gebäudebezogene Parzellierung schafft Klarheit bezüglich Kosten und Verantwortung und erleichtert Veränderungen im Freiraum.
  • Die Freiräume sind von der Wohnung schnell zu erreichen: Wohnhäuser sind daher maximal drei-geschoßig und haben ebenerdig durchgängige Stiegenhäuser.


Private Freiräume

Gewährleistung der Privatsphäre und des individuellen Gestaltungsspielraums

  • Private Freiräume sind von der Öffentlichkeit nur begrenzt einsichtig. Garten oder Hof liegen an der straßenabgewandten Seite, Terrassenbereiche sind zu den Nachbargrundstücken abgegrenzt. Die Bebauung ist straßenseitig erschlossen, an der Straße gespiegelt, die Freiräume daher innen oder hinten.
  • Rückwärtige Gartenausgänge zu Wirtschaftswegen und direkte Zugänge von den privaten zu den siedlungsöffentlichen Freiräumen erleichtern die übergreifende Nutzung.
  • Private Freiräume sind von der Wohnung direkt erreichbar und zumindest teilweise einsichtig (Erdgeschoßgärten, Mietergärten für die BewohnerInnen der oberen Geschoße. Pawalatschen, Balkone oder Terrassen ergänzen das privat verfügbare Freiraumangebot.
  • Privatgärten sind bei optimaler Lage und Zonierung mindestens 150m² groß (vgl. THEILING C., 1996:142).

Maria Baumgartner, Gudrun Müller, Karin Standler


Literatur:
BROCKHUIS, N., et al: Die Grünplanung im Gefolge der Stadtplanung und ihr Beitrag zur Verhinderung von Freiräumen, Notizbuch 24 der Kasseler Schule, Hrsg.: AG Freiraum und Vegetation, Kassel 1992

GRÖSSINGER Alice / STANDLER Karin: Beteiligung von Mädchen an Planungsprozessen am Beispiel einer Freifläche am Unteren Donaukanal, Wien 2; Hrsg.: Stadt Wien, Stadtbaudirektion - Leitstelle ‚Alltags- und frauengerechtes Planen und Bauen', Wien 2000

HEINEMANN, G. / POMMERENING, C.: Struktur und Nutzung dysfunktionaler Freiräume - dargestellt an Beispielen der Stadt Kassel, Notizbuch 12 der Kasseler Schule, Kassel 1998

THEILING Christoph: Reihenhausstadt - Von Handwerkshäusern, Architektengebäuden und Zeilen in Bremen. Eine Reihe zum Haus, zur Morphologie und Ökonomie, in: Notizbuch 44 der Kasseler Schule, Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation, Kassel 1996

NEUBACHER C., et al: Welchen Spielraum braucht die Zukunft?, Tagungsbericht zum internationalen Symposium in Graz am 10./111. März 1994, Steyr 1994

STALLER, Susanne: Wohnhof, Villa und Baublock. Über Leitbilder und Vorbilder für die Stadterweiterung, Diplomarbeit an der Universität für Bodenkultur Wien, Wien 1996

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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