building_space Bauwerkstatt Bericht

Bruck/Mur
19. / 20. September und 19. / 20. Oktober 2001

Betreuer: D.I. Michael Kammlandere

Die Bauwerkstatt versucht Lieblingsorte und Gruselorte der Jugendlichen zu verbessern, die in der Zukunftswerkstatt formulierte Kritik aufzugreifen und geplantes aus der Planungswerkstatt zu realisieren. Sie ist die dritte und abschließende Werkstatt nach sechs Monaten Beteiligungsprozess und integriert Jugendliche in die Errichtung von Bauvorhaben. Die Bauwerkstatt verbindet einfühlsam die Ansprüche der Jugendlichen mit den Möglichkeiten, die in der Gemeinde vorhanden sind. Sie moderiert den Beteiligungsprozess zwischen Jugendlichen und Gemeinde. Ziel ist, durch die bedarfsgerechte Gestaltung von neuen und alten Jugendaufenthaltsorten eine hohe Identifikation der Jugendlichen mit Freiräumen zu stiften.

Die Werkstatt hat eine Vorlaufphase von drei Monaten und einen Durchführungszeitraum von vier Tagen, die im folgenden näher beschrieben sind.

1. Verankerung der Bauwerkstatt im Jugendbeteiligungsprozess
Die vorausgehende Planungswerkstatt wird bereits von der Leitung der Bauwerkstatt in Fragen der Umsetzungsmöglichkeiten mitbetreut. Die Vielfalt an Wünschen zu und Vorstellungen über Freiraumobjekte seitens der Jugendlichen wird auf Machbarkeit hin geprüft.

Trotz Ernst und Eifer während der Planungswerkstatt muss die Kontinuität der Beteiligung über die drei Monate Sommerpause bewältigt werden. Jugendliche sind leicht zu begeistern; sie sind ebenso leicht wieder verschwunden. Zwei Drittel springen im Laufe des Beteiligungsprozesses ab; sie werden jedoch weiter informiert und es wird ihnen die Möglichkeit eines Wiedereinstieges angeboten. Vorallem die Altersgruppe der 12 bis 15-jährigen kann nicht weiter für das Projekt motiviert werden; es werden bewußt keine Zusatzanreize wie Gewinne oder Belohnungen geschaffen. Die Zusicherung der Umsetzung ihrer Ideen soll ausreichend für die Teilnahme sein.
Ein Drittel der Jugendlichen bleibt dabei; deren Motivation steigt enorm an und die Gruppe findet ihren Zusammenhalt durch das Thema Freiraum. Information mit Anmeldeformular für die Bauwerkstatt samt Rückkuvert ergeht an jene 60 Jugendliche, die sich bereits einmal für teens_open_space interessierten, bei Vorbesprechungen oder anderen Werkstätten dabei waren. Es melden sich jene 20 Jugendlichen für die Bauwerkstatt im September an, die bei der Planungswerkstatt im Juni aktiv dabei waren. An sie ergeht die Einladung zur Teilnahme an der Baubesprechung ein Monat vor Beginn der Bauwerkstatt.

2. Zusicherung der Gemeinde für das Bauvorhaben
Bei der Präsentation der Ergebnisse der Planungswerkstatt in der Gemeinde wird vom Bürgermeister und von Gemeinderatsmitgliedern zu jedem geplanten Objekt eine Stellungnahme abgegeben. Die mündliche Zusicherung des Bürgermeisters über eine Umsetzung im Rahmen der Möglichkeiten seitens der Gemeinde reicht für die Organisation der Bauwerkstatt aus. Eine Zusammenarbeit mit Angestellten aus dem gemeindeeigenen Wirtschaftsbetrieb, der aus Zimmerei, Tischlerei und Schlosserei besteht, wird seitens der Gemeinde angeboten. Diese Zusammenarbeit kann sich sowohl auf den Lernerfolg der Jugendlichen durch die professionelle Betreuung in der Ausführung als auch auf die Begrenzung der Herstellungskosten von Einbauten für die Gemeinde positiv auswirken.

3. Festlegung der Bauplätze
Den Abschluß der Planungswerkstatt bildet eine Prioritätenreihung der Standorte und beabsichtigten Bauten seitens der Jugendlichen für die Standorte. An den drei beliebtesten Orten werden die Bautafeln " ... hier entsteht ..." als symbolischer Spatenstich verankert.
Alle Bauplätze der Planungswerkstatt werden einer Besichtigung und Begutachtung durch das Forschungsteam unterzogen:
Dabei stehen die Bewertung der Realisierungschancen der geplanten Bauten auf den Grundstücken, die Absprachen mit der Gemeinde, mit der Bezirkshauptmannschaft und dem Wirtschaftsbetrieb im Vordergrund.

1. Der Murspitz
Der Standort ist für das Aufstellen von Bänken, den Bau eines gesicherten Abgangs zum Ufer mit einer kleinen Terrasse als schwimmendes Floss am Wasser sehr gut geeignet.

2. Der Schlackenplatz auf der Murinsel
Schon bei der Präsentation im Rathaus war klar, dass dieser Platz als einer von zwei winterfesten Fußballplätzen in der Obersteiermark nicht zu einem Streetsoccer und Streethockeyareal umgestaltet werden kann. Als Alternative bot sich zunächst das Eisstadion auf der Murinsel an. Die Fläche des Eisstadions stellte sich jedoch als sensible Betondecke mit einem dicht eingelegten Netz an Schläuchen für die Füllung mit Ammoniak für den Winterbetrieb dar. Die Fläche ist durch den feinen Abrieb des Beton für die Bespielung ungeeignet, da der Abrieb keine Rutschfestigkeit garantiert und die Unfallgefahr dadurch sehr hoch ist. Auch ist das Montieren von Halterungen für die Holzbande durch das engmaschige Netz an Schläuchen unmöglich. Eine notwendige Asfaltierung der Fläche ist mit hohen Kosten verbunden.

3. Der Pavillon im Stadtpark/Stefaniepark
Gegen die Idee, den Pavillon als mobile Bühne flexibel zu benutzen, spricht das Vorhandensein einer mobilen Bühne (6 x 8m) im Wirtschaftsbetrieb. Auch sind eine große Anzahl an Bühnenelementen für Veranstaltungen verfügbar. Der Pavillon soll fix installiert werden. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsbetrieb macht eine Nutzung der Geräteinfrastruktur und der regensicheren Hallen während der Umsetzung sehr realistisch. Die räumlich-funktionalen Veränderung des Parkes wird parallel im Freiraumplan durch das Forschungsteam nachbearbeitet.

4. Der Schillerplatz
Eine Sanierung des Fußballareals in Form von Rasenherstellung und besseren Zäunen ist hier Thema. Wir betrachten diese Arbeiten als Sanierungsarbeiten der Gemeinde und schließen den Ort für die Bauwerkstatt aus. Der Schillerplatz wird im Freiraumplan aufgegriffen und ein neues räumliches Konzept ausgearbeitet, welches anderen Benutzergruppen, wie zum Beispiel Mädchen den Aufenthalt auf dieser im Ortszentrum liegenden Fläche ermöglicht. Die räumlich-funktionale Veränderung des Sportplatzes wird parallel im Freiraumplan durch das Forschungsteam nachbearbeitet.

5. Das Cafe am Schloßbergplateau
Das Projekt wird wegen seiner Lage und der ausgeprägten Architektur als zu schwer realisierbar für die Bauwerkstatt eingestuft.

6. Die Hochbrücke
Die Einfachheit des Projekts besticht und gibt ihm eine hohe Realisierungschance. Eine einfache Mal- und Lichtaktion als temporärer Eingriff hat an diesem Standort hohen Öffentlichkeitswert. Die Zuständigkeit dieses Bereiches liegt bei der Bezirkshauptmannschaft. Ein entsprechender Antrag auf Nutzung der Fläche wurde gestellt. Auch wollte man sicher gehen, dass die Gemeinde als Veranstalter alle Haftung für Schäden aus der schadhaften Hochbrücke übernimmt. Die anstehende Sanierung der Hochbrücke und geplante Grabungsarbeiten geben dem Standort gute Chancen temporär genutzt zu werden.

7. Die Hochfeldsiedlung
Die Komplexität und Schwierigkeit der Aufgabe rücken eine Realisierung in der BAUWE in weite Ferne. Die Hochfeldsiedlung wird für den Freiraumplan als städtebaulicher Entwurf ausgearbeitet.

Mit der Gemeinde werden drei Bauplätze für teens open space ausgewählt: der Murspitz, der Stadtpark/Stefaniepark und die Hochbrücke. Die Auswahl entspricht der Prioritätenreihung der Jugendlichen. Ein vierter Bauplatz - die kurzfristige Sanierung des Fussballplatzes am Schillerplatz - wird von der Gemeinde durchgeführt.


4. Detailplanung und Materialbestellung
Eine Baubesprechung mit Jugendlichen ein Monat vor Baubeginn dient der Präzisierung der Vorstellungen von den Neuplanungen und erhöht die Verbindlichkeit der Teilnahme. Die räumliche Einpassung des Pavillons in den Stadtpark wird bestimmt, seine Gestaltung zur Diskussion gestellt und festgelegt. Die Möglichkeit eines schwimmenden Flosses in der Mur am Murspitz wird angedacht, doch wird die Realisierung aus Sicherheitsgründen verworfen. Die Gestaltung der Bodenfläche unter der Hochbrücke geht in die konkrete Planung.
Es erfolgt die Nachjustierung und Konkretisierung der gestalterischen Ansprüche an den Pavillon, an die Liegepritschen auf der Murinsel und die Graffitibemalung unter der Hochbrücke. Zeitgemäße Formen- und Materialsprache werden vom Team eingebracht. Die konstruktive Auseinandersetzung mit der Abteilung für Hochbauplanung der Gemeinde ermöglicht ein Umdenken konventioneller Bauformen, eine Neuorientierung und Neudefinition von Freiraumarchitektur der Gemeinde. Die Kostenschätzungen wurden laufend nach dem jeweiligen Planungsstand erstellt. Eine rechtliche Abklärung der Eingriffe (z.B. Einreichung oder Beauftragung) war nicht notwendig.
Nach der Detailplanung ergeht eine Materialbestellung für unbehandeltes Lärchenholz an eine ortsansässige Sägerei.

5. Durchführung der Bauwerkstatt
Der Österreichische Kulturservice informiert die Direktionen der Schulen über die Teilnahme von SchülerInnen an der Bauwerkstatt. Für die 20 angemeldeten Jugendlichen erfolgt eine Schulfreistellung für vier Tage aufgrund freiwilliger Anmeldung. Die Bauwerkstatt gilt als schulnahe Veranstaltung, die Betreuung wird vom Team ohne Begleitung eines Lehrers übernommen.
Als Treffpunkt und Bereich für die vorbereitenden Arbeiten für die Objekte erweist sich der Wirtschaftsbetrieb als geeigneter Ort. Nach einer Vorstellungsrunde der Mitarbeiter des Wirtschaftsbetriebs und des building_space_teams werden die Bauschritte organisatorisch abgestimmt und Arbeitsaufgaben an die Jugendlichen vergeben. Regeln für die Anwesenheit (An- und Abmelden), eine Arbeitsstruktur im Team und der Montageablauf werden vereinbart. Die Jugendlichen werden vom Betreuungsteam in die Handhabung der Tischlermaschinen, in Sicherheitsbestimmungen eingeführt. Dann werden die drei building_space_teams analog zu den Bauplätzen gebildet:
building_space_team Stadtpark: 8-12 Jugendliche bauen vier Tage am Pavillon. Zwei Tage wird der Bauplatz gerodet und von bestehenden Einbauten frei gemacht, die Fundamente werden gegraben. Zwei weitere Tage wird das Holz zugeschnitten und die Bauteile vor Ort montiert.
Betreut von D.I. Michael Kammlander und D.I. Josef Berger
building_space_team Mursitz: Drei Jugendliche bauen zwei Liegepritschen im Ausmaß von 2,5 mal 4 Meter. Ein verbesserter Abgang zur Mur wird gegraben.
Betreut von D.I. Josef Berger
building_space_team Hochbrücke: Ein weißer Grundanstrich mit Rasterung wird vorbereitet. Auf ihm wird das Muster nach dem Entwurf dreier Mädchen übertragen. Zwei Tage dauert die Malaktion und der Bau der Lichtinstallation auf den "Vorhang", der als vertikales Element zwischen Hochbrücke und bemalter Fläche gespannt ist.
Betreut von D.I. Alice Größinger

6. Einschätzung der Ergebnisse
Stadtpark/Stefaniepark: Mit dem Pavillon werden zwei neue Jugendfreiräume - ein Kommunikationsort und ein Rückzugsraum gestaltet. Der wetterfeste Sitz- und Aufenthaltsort ist Treffpunkt für Jugendlichen vor und nach der Schule. Der Pavillon ist zum Stadtpark hin offen, so kann beobachtet werden, was sich im Park abspielt. Die Wangenseiten und die vom Stadtpark abgewandte Seite des Pavillons haben umlaufende Sitzmöglichkeiten und sind wenig einsichtig. Dadurch kann der Pavillon gleichzeitig von verschiedenen Parknutzern "besetzt" werden. Eine Kiesfläche mit drei Steinfindlingen attraktiviert die vom Park abgewandte Seite des Pavillons und bietet einen Rückzugsort.
Murspitz: Die beiden Liegepritschen verbessern bestehende Nutzungen der Jugendlichen an diesem Ort. Der Ort wird zum Herumlungern, zum Feste feiern, zum Lernen genutzt.
Hochbrücke: Die Bemalung an und unter der Hochbrücke macht auf diesen vergessenen Ort aufmerksam. Ein Gruselort wird verschönert, der trotz gestalterischer Aufwertung nicht als neuer fixer Aufenthaltsort für Jugendliche etabliert, sondern als temporärer Ort spontan genutzt werden soll. Die künstlerische Intervention durch die Farben und die Lichtinstallation zeigt die große Dimension dieses Ortes und macht auf das Potential einer Aufwertung des öffentlichen Raums aufmerksam.

Jugendliche durchwandern einen kompletten Planungsablauf und lernen die Dimensionssprünge von der Planung am Papier in die Wirklichkeit kennen. Jugendliche partizipieren an der Gestaltung ihrer Umwelt; es wird ihnen Verantwortung und Zuständigkeit für ihren Lebensbereich übertragen. Mit ihrer Praxis in der Ausführung einer Bauaufgabe können Jugendliche nun leichter selbst ihre Vorhaben in die Gemeinde einbringen. Neue Ideen sind bereits in den Köpfen, der Ablauf neuer Bauvorhaben ist nicht mehr unbekannt und die beteiligten Jugendlichen wissen wohin sie sich wenden müssen. Eine Anlaufstelle für Jugendinteressen im Freiraum konnte in der Gemeinde etabliert werden.
Zu den Schwierigkeiten einer Bauwerkstatt zählt allerdings die anfangs erschwerte Sicht in interne Planungsabläufe der Gemeinde, den Bauwillen bei allen Zuständigen zu erzeugen und eine rasche Umsetzung vorauszusetzen. Der kurze Umsetzungszeitraum mit drei Monaten Vorbereitung reichte gerade aus.

7. Ausblick für Gemeinden: Bauwerkstatt im Kontext Freiraumplan
Aus der Sicht der Betreuung sind die Ergebnisse des Projekts positiv zu sehen. Im Sinne von lernenden Organisationen haben vor allem die Gemeinde und jugendnahe Institutionen, die Schule und wir als beteiligte WissenschaftlerInnen gelernt, haben durch Tun erfahren und haben erlebt, wie theoretisches, erdachtes in die Praxis umgesetzt wird und damit uns und andere als GestalterInnen, als in Aktivitäten eingebundene und damit voneinander Abhängige erfahren. Dies gilt vor allem für die Werkstätten und deren LeiterInnen, für die Jugendlichen und die politisch Verantwortlichen, von denen sicher im Bereich des forschenden Handelns Ungewohntes verlangt und erlebt wurde. Wie die Ergebnisse in der Stadt nachwirken können, wird vor allem von den Entscheidungsträgern in der Gemeinde, aber auch von den Jugendlichen abhängen. Die Gemeinde sollte bereit sein, den erprobten Weg des Miteinander mit den Jugendlichen weiter zu führen und dafür auch neue Modelle zu entwickeln. Die Jugendlichen sollten durch die erworbenen Erfahrungen imstande und bereit sein, sich für die Durchsetzung ihrer Bedürfnisse aktiv einzusetzen. Für alle Beteiligten wäre es sicher eine Bestätigung und ein Erfolg, sollten sich aufgrund der Präsentation der Ergebnisse des Projekts in den Medien, des Ergebnistransfers zu Schulen, Gemeinden und Einrichtungen der Jugendarbeit und im Internet, weitere Gemeinden für ein im Verfahren und im Ziel ähnliches Projekt interessieren.
Der Aufbau des Planungsprozesses in drei Werkstätten und die einzelnen Arbeitsschritte in den Werkstätten können für teens_open_space - für das "Öffnen von Freiräumen" durch Jugendliche - als Leitfaden für weitere Projekte empfohlen werden. Regelmäßige Bauwerkstätten in Bruck können die Kontinuität in der Auseinandersetzung mit Freiraum aufrecht erhalten und die Idee weitertragen.
Die räumlich-funktionale Veränderung durch die Freiraumobjekte der Jugendlichen braucht neue Nutzungskonzepte der Orte. Die Jugendlichen zeigen Defizite im Freiraum auf, die punktuell in der Bauwerkstatt aufgegriffen wurden. Aufbauend auf dieser Auseinandersetzung leiten sich weitere Anforderungen an die Umgestaltung der Freiräume ab. Der erste Schritt wurde dafür in Form von Nutzungskonzepten erarbeitet (vgl. Freiraumplan). Der Freiraumplan prüft Defizite, analysiert soziale Bedeutungen und aktuelle Nutzungen der Orte und stellt einen städtebaulichen Kontext her. Das Nutzungskonzept ist Grundlage für Entwurf, Detailplanung und Umgestaltung eines Freiraumes. Es soll paralell zur Bauwerkstatt mit Jugendlichen und Planungsexperten entwickelt werden.

Karin Standler und Michael Kammlander