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Artikel für RAUM - östereichische Zeitschrift für Raumplanung und Regionalpolitik Nr.45, 2002

Freiräume im Kopf, am Plan und in Natura

Die Stadt Bruck/Mur zeigt, wie soziale Wertigkeiten von Freiräumen über Instrumente der Landschafts- und Raumplanung sowie der Jugendbeteiligung stärker berücksichtigt werden. Hintergrund ist das Kulturlandschaftsforschungsprojekt "Soziale Vorrangflächen - Freiraumplanung im Interesse der Jugendlichen", welches Chancen und Notwendigkeiten einer sozial verstandenen Freiraumplanung darlegt.

von Maria Baumgartner, Karin Standler, Sibylla Zech

Die Planung von Freiräumen beschränkt sich üblicherweise auf die Erholungsplanung und die Naturerlebnisvorsorge durch Flächensicherung für Sport, Spiel und Natur. Die wohlgemeinten Funktionstrennungen führen vielerorts zum Verfall der öffentlichen Räume. Nutzungserschwernisse bei Freiräumen im Siedlungswohnbau bringen sinnentleerte Abstandsflächen zwischen den Gebäuden - ein Indiz dafür, dass Gemeinden kein Leitbild für den Umgang mit Außenräumen haben. Freiraum wird als Restfläche zwischen Einzelarchitekturen verstanden.
Die Bevölkerung einer Stadt braucht Freiräume mit unterschiedlichem sozialen Kontext - wie belebte Orte und Rückzugsorte. Private Freiräume sind auch in der Innenstadt, öffentliche Parks sind in den Einfamilienhausgebieten oder zwischen Siedlungsneubauten nötig. Die Bevölkerung braucht Verknüpfungen und Abstufungen unterschiedlicher Räume, da der Umgebungsbezug von Freiräumen deren soziale Vernetzung bestimmt. Ein dichtes öffentliches Fuß-, Radwege- und Straßennetz stellt die Verbindungen zwischen den Freiräumen her und ist selbst der flächenmäßig größte Freiraum im Siedlungsgebiet. Eine klare Stadt- und Siedlungsstruktur mit Bebauungen entlang öffentlichen Straßen erleichtert die Orientierung und erhöht das Sicherheitsgefühl in der Stadt. Wesentlich sind auch Verbindungen zu land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen an den Siedlungsrändern und zu Gewässerufern.

Ein partizipativer Planungsprozess stärkt die soziale Dimension der Freiräume. Durch die im Zuge des Forschungsvorhabens erstellten "Kriterien für die Beurteilung der räumlichen und sozialen Qualität von Freiräumen" findet er auch langfristig Eingang in den kommunalen Planungsalltag. Die Kriterien fassen zusammen, was die Brucker Freiräume sozial und funktionell leisten sollten und nennen die wichtigsten räumlichen Voraussetzungen dieser Qualitätsansprüche. Bei einem verbesserten, auf die jeweilige Freiraumsituation aufbauenden Einsatz vorhandener Raumplanungsinstrumente erübrigt sich die Ausweisung gesonderter "sozialer Vorrangflächen".

teens open space - Freiraumplanung im Interesse der Jugendlichen
Jugendliche brauchen ihren Platz in der räumlichen Umwelt, ihre Raumbeziehungen sind in der Organisation und Planung von Stadträumen zu berücksichtigen. Sie benötigen selbstbestimmte Spiel- und Entfaltungsräume. Die Untersuchung der Freiraumbeziehungen von Jugendlichen widmete sich der Aneignung und Nutzbarkeit von Freiräumen, der Identifikation mit Freiräumen, den Veränderungen der Freiräume durch Nutzung, den Freiräumen in Siedlungen, Straßen sowie den alltäglichen Aktionsradien und den räumlichen Zusammenhängen zwischen den Flächen.

Der Aufbau des Planungsprozesses in drei Werkstätten und die einzelnen Arbeitsschritte in den Werkstätten können für teens_open_space - für das "Öffnen von Freiräumen" durch Jugendliche - als Leitfaden für weitere Projekte empfohlen werden.

In der zweitägigen Zukunftswerkstätte entwickeln die TeilnehmerInnen Ansätze zu einer positiven Veränderung einer als unbefriedigend erlebten Umweltsituation. Die erste Phase, die Kritik- und Wahrnehmungsphase, dient der Sammlung von negativ erlebten Aspekten und Details der jeweiligen Situation. In der zweiten Phase werden Utopien entwickelt, um den Möglichkeitssinn anzuregen und allzu einschränkende Muster vorauseilender Selbstzensur von Wünschen zu umgehen. Erst in der dritten Phase, der Realisierungsphase, werden die entwickelten Utopien auf die in ihnen sich ausdrückenden Wünsche und Bedürfnisse untersucht und Möglichkeiten gesucht, wie diese Bedürfnisse durch machbare Veränderungen berücksichtigt werden können.

Die Planungswerkstatt, wie sie in Bruck/Mur stattfand, moderiert den Planungsprozess mit den Jugendlichen. Die Ideen und das Know-how zu den eigenen Freiraumansprüchen kommen von den Jugendlichen selbst. Sie entwickeln aufbauend auf ihren Ideen aus der Zukunftswerkstatt Gestaltungsentwürfe. Dies geschieht mittels Modellbauen und Planzeichnen. Gearbeitet wird mit Karton, Styropor, Farben, Kleber, Buntpapieren, Holzstäben, Folien, Papiermaché, Netzen, Drähten, kleinen Ästen, Sand, Erde...

Nach einem Abstimmungsprozess mit der Gemeinde wurde die Zusicherung für die bauliche Veränderung von drei Flächen für die Bauwerkstatt gegeben. Die Bauaufgaben wurden ausgearbeitet und Detailpläne angefertigt. An vier Tagen brachten die Schülerinnen und Schüler ihren gestalterischen, kreativen und handwerklichen Beitrag zu Verbesserungen ausgewählter Aufenthaltsorte ein: die Hochbrücke ist bemalt und in Licht gehüllt, der Murspitz hat Liegepritschen, im Stadtpark steht ein Pavillon als wettergeschützter Treffpunkt für Jugendliche.

Von der Kunst des Verhandelns
Aufbauend auf den Werkstätten, den gemeinsamen Begehungen und der Freiraumkartierung leiten sich weitere Anforderungen an die Umgestaltung der Freiräume ab. Der Freiraumplan prüft Defizite, analysiert soziale Bedeutungen und aktuelle Nutzungen der Orte und stellt den städtebaulichen Zusammenhang her. Das Nutzungskonzept ist Grundlage für Entwurf, Detailplanung und Umgestaltung eines Freiraumes. Im Freiraumplan werden die Ergebnisse des inter- und transdisziplinären Forschungsprozesses zusammengefasst, vervollständigt und einheitlich aufbereitet.

Der Freiraumplan Bruck/Mur ist eine umsetzungsorientierte Planung. Die Freiräume finden nicht nur auf dem Papier, im GIS des Stadtplanungsamtes und im Internet ihren Niederschlag, sondern sie werden öffentlich diskutiert und punktuell schon während des Planungsprozesses zum Anschauen und Benützen umgesetzt. Die Einbindung der zuständigen Gemeindemandatare und Dienststellen ermöglicht die Reflexion und Umorganisation von Routinearbeiten. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen erfordern eine genaue Information und faires Verhandeln mit den Brucker BürgerInnen. Hier ist die Politik gefragt, auch scheinbar Unmögliches, wie temporäre Spielorte oder die Öffnung jahrzehntelang abgesperrter Wege möglich zu machen.

Der Freiraumplan gliedert sich in mehrere Planungslayer, die miteinander über die jeweiligen Orte und Flächen verknüpft sind. Dadurch werden die Aussagen auf übergeordneter Ebene konkreter, und der Gesamtkontext, in dem Folgeplanungen stehen, eindeutig nachvollziehbar. Der Freiraumplan Bruck/Mur zoomt sich durch das klassische System herkömmlicher Maßstabsebenen der Landschafts- und Raumplanung. Er agiert auf der Ebene des Stadtentwicklungskonzeptes, des Landschafts- und Flächenwidmungsplanes, des Grünordnungs- und Bebauungsplanes sowie der Objektplanung. Und nicht nur das: der Freiraumplan schafft Freiräume im Kopf und im Maßstab 1:1 in Natura.

Der Bürgermeister der Stadt Bruck und der Raumordnungsbeirat beschließen den Freiraumplan als verwaltungsanweisendes Sachkonzept zum Stadtentwicklungskonzept. Ein Monitoring für zwei Jahre begleitet die Umsetzung des Freiraumplans bei laufenden Planungsagenden. Der Freiraumplan und der Freiraumplanungsprozess von Bruck an der Mur sind Pilotprojekt für die Steiermark, aber auch für das gesamte Bundesgebiet. Der partizipative Ansatz und die besondere Betonung der sozialen Komponente der Freiraumplanung verleihen dem Projekt auch im internationalen Kontext Modellcharakter.

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