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Artikel für Zeitschrift: Ländlicher Raum
Hg: Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL), Wien Juni 2001

"SOZIALE VORRANGFLÄCHEN" - FREIRAUMPLANUNG IM INTERESSE DER JUGENDLICHEN

Wie nutzen Jugendliche ihren Lebensraum, den Brucker 'Freiraum'? Im Forschungsprojekt teens.open.space erfolgt eine Antwortsuche: Freiräume werden mental präzisiert, geplant und gebaut.

von Maria Baumgartner, Karin Standler, Sibylla Zech


Die Begehung der Lieblingsorte und eine Zukunftswerkstatt nach Robert Jungk brachten die Ansprüche der Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren an neue und bestehende Freiräume hervor. Nachdem die teens am 22. Mai mit der Gemeinde über Änderungswünsche verhandelt haben, kommen nun sechs Flächen mit unserer Unterstützung und Betreuung in Bearbeitung: In der Planungswerkstatt planen, gestalten sie die neuen (alten) Aufenthaltsorte. Die darauffolgende Bauwerkstatt bietet den Umbau der Freiräume gemeinsam mit den Jugendlichen. Die Ergebnisse aus den Werkstätten laufen mit jenen im Projekt gewonnen Erkenntnissen zu Freiraumqualitäten in einem Freiraumplan für die Stadt Bruck zusammen.


Forschungsprojekt Kulturlandschaft: Synthese für die Praxis


Das Projekt setzt Forschungsergebnisse aus dem Schwerpunktprogramm Kulturlandschaftsforschung (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur), welches Wege zur nachhaltigen Entwicklung österreichischer Landschaften und Regionen sucht, um.

Die hier im speziellen betrachtete Gruppe der Jugendlichen hat im Zuge des Forschungsprojektes die Möglichkeit, neue Plätze in der räumlichen Umwelt einzunehmen, ihre Raumbeziehungen in der Organisation und Planung von Städträumen zu formulieren und selbstbestimmte Spiel- und Entfaltungsräume zu verhandeln. Die Untersuchung der Freiraumbeziehungen von Jugendlichen widmet sich der Aneignung und Nutzbarkeit von Freiräumen, der Identifikation mit Freiräumen, den Veränderungen der Freiräume durch Nutzung. Freiräume im privaten, im siedlungsöffentlichen und im öffentlichen Bereich und deren räumlichen Zusammenhängen sind Forschungsgegenstand.

Ein talk-line im Internet unter www.teensopenspace.at bietet eine weitere Auseinandersetzung über Orte und Freiräume. Surfen auch Sie durch Bruck, klicken Sie sich durch Freiräume und geben Sie Stellung ab oder knüpfen Sie mit Ihren Erfahrungen aus anderen Gemeinden an!

Wo machst Du Lagerfeuer oder triffst Dich mit Freunden?
Die Begehung von Brucker Freiräumen zeigt ein authentisches Bild der Freiraumsituation der Jugendlichen, ihres Verhaltens, ihrer Interessen und ihrer Verbesserungsvorschläge. In der Auseinandersetzung mit ihren Lieblings- und Gruselorten werden die baulich-räumliche Organisation und die soziale Dimension von Jugendfreiräumen angesprochen. Kriterien für Lieblingsorte aus der Sicht der Jugendlichen leiten wir von ihren Beschreibungen während der Begehungen ab:

Was macht die Beliebtheit der Lieblingsorte aus?
Lieblingsorte sind Freiflächen mit freiem Zugang, meist ein öffentlicher Platz oder Park, selten Privatflächen. Es sind definierte Räume. Ungenutzte Räume, Baustellen, Brachland und Niemandsländer werden wenig angeeignet. Die Freiräume werden meist in ihrer von der Stadt vorgesehenen Funktion genutzt. Die Jugendlichen greifen kaum verändernd in Freiräume ein.

Beliebt sind Ecken in öffentlichen Parks, wo die Einsichtigkeit gering ist, nach dem Motto - sehen aber nicht gesehen werden. Ruhige Atmosphäre ist häufig Voraussetzung für einen Lieblingsort.
Die Freiräume werden an erste Stelle als Kommunikations- und Aufenthaltsorte, an zweiter Stelle als Bewegungsorte und an dritter Stelle als Rückzugsräume genutzt. Die Nutzung ist geschlechtsspezifisch: Mädchen suchen Rückzugsräume, die Buben wollen mehr Bewegungsräume, gemeinsam wollen sie Kommunikationsräume nutzen.

Was machen die Jugendlichen am liebsten im Freiraum?
Die Haupttätigkeiten an den Lieblingsorten sind sich zu Treffen, zu Sitzen und zu Reden. Spielen im Sinne von sportlicher Betätigung ist die zweit bedeutendste Tätigkeit am Lieblingsort. Gerne werden Feste im Außenraum gefeiert. Die Orte werden selten alleine aufgesucht, meist in der Gruppe mit FreundInnen. Die genannten Orte werden teilweise täglich aufgesucht - vor, während und nach der Schule bis in die Abendstunden. Fußgängerzonen sind beliebte Treffpunkte und Aufenthaltsorte von Mädchen. Ihre Attraktion besteht darin, dass sie als viel frequentierte Alltagsorte mit jugendspezifischen Interessen überlagert werden können, z.B. andere Jugendliche zu treffen, zwischen den Leuten durchzuskaten, zu bummeln etc.

Was soll sich am Lieblingsort ändern?
Die Jugendlichen wünschen Veränderungen bestehender Ausstattungselemente und eine bessere Gliederung und Instandhaltung der Freiräume. Die Freiräume werden als zu wenig differenziert empfunden, fehlende Ausstattungselemente, insbesondere fehlende Sitzgelegenheiten, beschränken die Nutzbarkeit. Eine Variabilität der Nutzung ist durch die derzeitige Ausstattung kaum vorhanden, Bänke sind nicht zu verschieben. Die Wünsche der Mädchen sind vorwiegend attraktive Rückzugsräume, die der Buben Sport- und Spielflächen.

Warum sind Gruselorte Unorte?
Gruselorte sind häufig durch Verkehr oder sonstige "Störfaktoren" (AlkoholikerInnen, Aufsichtspersonen) beeinträchtigte Aufenthaltsorte. Sie haben keine Atmosphäre, sind kahl und laut. Die Ausstattung ist einseitig, die Vegetation monoton. Die Nutzungsmöglichkeiten sind gering. Sie sind Durchgangsorte und laden nicht zum Aufenthalt ein. Diese Orte zeigen den Verfall des öffentlichen Raumes. Die Unorte sind Angsträume.

Die Kritik an der Funktionalisierung und Spezialisierung sowie der mangelnden Gebrauchsfähigkeit der Freiräume betrifft insbesondere die Gruppe der Jugendlichen. Jugendliche sind potenziell intensive NutzerInnen. Die Flächen sind für sie nicht genügend tauglich, der aktive Gebrauch ist generell nicht vorgesehen. Ein Teil des Freiflächenmangels resultiert aus der exklusiven Zuordnung der Flächen an spezifische Nutzergruppen: Skaterplatz für Skater, Kinderspielplätze für Kinder, ...

Freiraumplanung im Interesse der Jugendlichen
Die Zuweisung eines gesellschaftlichen Ortes an eine soziale Gruppe ist zugleich eine räumliche und erfordert den gesellschaftlichen Ort näher zu bestimmen. In der Freiraumerhebung wird parzellenscharf die soziale Wertigkeit einzelner Freiräume erhoben. Am Beispiel der Jugendlichen wird deutlich, wie man im guten Irrglauben "Wir tun viel für Jugendliche" an der Realität vorbeigehen kann. Die adäquaten Freiraumausstattungen für Jugendliche brauchen eine genaue, fachlich fundierte Auseinandersetzung und Aufbereitung. Forschungen zur Freiraumnutzung der Jugendlichen sind vernachläßigt.

Was ist der Freiraumplan?
Der Freiraumplan verankert Entwicklungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten sozial bedeutender Freiräume der Gemeinde Bruck an der Mur. Es werden die Ergebnisse und Auswertungen der Flächenerhebungen, der Begehungen der Lieblingsorte sowie der Zukunfts- und der Planungswerkstatt, die in einem inter- und transdisziplinären Forschungsprozess erarbeitet werden, zusammengefasst, vervollständigt und einheitlich aufbereitet.
Der Plan gliedert sich in mehrere Planungslayer, die miteinander über die jeweiligen Orte bzw. Flächen verknüpft sind. Dadurch werden die Aussagen auf übergeordneter Ebene und der Gesamtkontext, in dem Folgeplanungen stehen, eindeutig nachvollziehbar. Insgesamt wird die Verständlichkeit, Anschaulichkeit und Umsetzungsrelevanz erhöht. Der Freiraumplan bietet der Gemeinde gebietsbezogene "Gesamtpakete", damit wird ein gängiges Defizit herkömmlicher Planungsaufträge ausgeglichen.


Verankerung des Freiraumplans in den Gemeinden
Wieweit der Plan gelebt wird, hängt von der rechtlichen Verbindlichkeit, der Vernetzung innerhalb der Verwaltung und von der Entstehung und Umsetzung ab. Verpflichtende gesetzliche Vorgaben zu rechtsverbindlichen Festlegungen wirken kontraproduktiv. Freiraumplanung könnte zur lästigen Pflicht werden, der das Image der Verhinderungsplanung anhaftet. Ziel ist ein selbstbewusster und kommunikativer Freiraumplan, der einen kreativen Umgang mit den Freiräumen wiederspiegelt. Der Freiraumplan steht nicht nur am Papier und im Internet, sondern bildet die mentalen Landkarten in den Köpfen der Jugendlichen in Bruck und der politischen EntscheidungsträgerInnen ab. Der Freiraumplan bildet das Netz an Freiräumen in natura ab.

Die örtliche Raumplanung erwartet vom Freiraumplan nachvollziehbare Aussagen für die Festlegung von Freilandsondernutzungen in der Flächenwidmungsplanung. Festlegungen dienen der Absicherung der Freiräume gegenüber konkurrierenden Nutzungsansprüchen. Der Plan trifft Aussagen zu qualitativ und sozial bedeutenden Freiräumen für die Bebauungsplanung. Ein Freiraumplan ist Grundlage für die Bodenpolitik und Liegenschaftsverwaltung.

Die soziale Funktion von Freiräumen wird selten in Betracht gezogen. Ob Vorrangfestlegungen dieses Manko ausgleichen können, wird die Erfahrungen im Rahmen dieses Projektes zeigen. Im Sinne der Nachhaltigkeit verfolgt der Plan keine starre Exklusivitätsstrategie (Wirtschaft oder Ökologie oder Soziales). Ein alltagstauglicher, partizipitiv angelegter Freiraumplan richtet sich auf "Triple-Win"-Situationen und bündelt die ökonomischen, ökologischen und sozialen Qualitäten.

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